Anlässlich meiner ersten Abituraufsicht im Fach Musik heute

These, über die ich noch nicht viel nachgedacht habe: Ich finde die Art Allgemeinbildung, die einen in die Lage versetzt, dass man die Fragen in Abituraufgaben in den verschiedenen Fächern verstehen und einordnen kann, ziemlich ausreichend. Zu dieser Allgemeinbildung müssen natürlich noch andere Techniken kommen (schreiben, erklären, recherchieren).

(Musikabitur: Ist ein echtes Gerenne. Es gibt 4 Themen zur Auswahl, zu jedem Thema etwa drei Hörbeispiele, und diese zwölf Hörbeispiele sind so versetzt, dass immer die Schüler von Thema 1 ins Nebenzimmer gehen und ein Hörbeispiel anhören, danach die von Thema 2, dann 3, 4, und wieder Thema 1 mit ihrem zweiten Hörstück und so weiter.)

Die Fragen im Musik-Abi habe ich jedenfalls alle verstanden, und einige wenige Aufgaben hätte ich auch beantworten können.

Abifeier sentimental

Schnell noch schreiben, bevor der Sekt verfliegt…

Heute war Abiturfeier. Insgesamt: schön. Die Reden: nichts dazu zu sagen. Die Dauer angemessen, dreieinviertel Stunden einschließlich Pause. Das Programm: bunt – und vor allem alles selbstgemacht: Improtheater, Klavierspiel (Chopin, eine Nocturne), Chor, Lied – keine kommerziellen Videos, keine aufwändige Selbstbeweihräucherung, kein zu Tode gerittenes Motto. Motti haben ohnehin nichts bei Abiturfeiern verloren. Viele Cocktailkleider, kaum Abendkleid – liegt das an der neuen Bescheidenheit oder daran, dass die Schüler im G8 ein Jahr jünger sind?

Nach der Pause bestand der Großteil des Programms in der Überreichung der Zeugnisse, wobei wieder jeder Schüler mit seinem eigenen Musikclip einmarschierte. Das war dann doch kurzweilig – über die Kleidung gab es nicht so viel zu reden wie letztes Jahr, aber ich habe sie mir gerne angeschaut, die Abiturienten, von denen ich ein Drittel im Unterricht in diesem Jahr hatte. Und zugehört, welche Musik sie sich ausgesucht haben. Wenig Überraschungen: ein paar Filmsoundtracks, viel nicht zu schweres Havy Metal. Aber im Gespräch über Musik mit dem Kollegen schon gleich Lust darauf beommen, selber wieder mal Musik zu hören.

Nach der Zeugnisübergabe gab es einen Sektempfang. Dabei habe ich mich noch mit einigen Schülern unterhalten können und bin ganz sentimental geworden. Liegt natürlich auch am Sekt. Aber dieser Jahrgang war auch ein sehr netter Jahrgang. Der Deutschkurs hat mir Spaß gemacht, der Informatikkurs hat mir auch Spaß gemacht (und war insofern befriedigender, als Lehrplan und Schülervermögen besser zusammenpassen). Umarmt geworden. Das sind wirklich nette Menschen, unsere Schüler – wie ja auch die meisten Menschen zu den Guten gehören. Wobei, Fußnote, mein Menschenbild trotzdem dem vom Herr der Fliegen entspricht – zum Guten im Menschen muss noch die Zivilisation kommen, sonst setzt sich das nicht durch.

Auf der Rückfahrt in der S-Bahn habe ich dann sentimentale Musik auf dem iPod gehört. Allen voran „Some Other Time“ aus On the Town (eine Version hier), das sentimentalste Lied, das ich kenne. Dann noch einige Nummern von Bob Seger, angeregt durch die Schüler-Musikclips. Still the Same, Old Time Rock ’n Roll, We’ve got tonight. Wie wird Musik sentimental? Sicher auch dadurch, dass man sie in bestimmten Stituation, in einem bestimmten Alter kennengelernt hat. Ich habe im Lauf meines Lebens quasi immer wieder Lieder mit Energie aufgeladen, die ich jederzeit wieder abzapfen kann.
Weitere Nummern jedenfalls noch: „Sweet Thing“ von den Waterboys, von den gleichen auch: „Has Anybody Here Seen Hank“ und „And A Bang On the Ear“. Oder gleich das ursprüngliche „Sweet Thing“ von Van Morrison. Oder die deutsprachige Coverversion von den Flowerpornoes. Überhaupt, Van Morrison. Und dann noch „Tunnel of Love“ von den Dire Straits, aber dann ist wirklich aus. (Das ist das Lied, das Arthur und Fenchurch in „So long and thanks for all the fish“ hören – für Douglas-Adams-Fans.)

Motivation und Abitur, ohne größeren Zusammenhang

„Motivation vor allem bei schwächeren Schüler/innen effektiv“ titelt der Lehrerfreund und zitiert dazu eine Studie zur Intelligenzforschung, aus der man möglicherweise als Ergebnis ablesen kann: extrinsische Motivation funktioniert, allerdings vor allem bei Menschen mit niedrigem IQ. Die Folge: je dümmer sich Schüler anstellen, desto mehr muss man motivieren. „Der etwas unappetitliche Umkehrschluss: Je besser die Schüler/innen, desto weniger kann man durch Motivation erreichen.“

So oder so finde ich es erfreulich, dass mal differenziert wird – dass zugegeben wird, dass für manche Menschen/Schüler ein anderes Verhalten sinnvoll ist als für andere. Ich selber habe als Schüler über die Motivationsphase im Unterricht oft nur gelacht. Erst die Folie anschauen, oder das Lied anhören, oder irgendeinen stummen Impuls über sich ergehen lassen – und darauf warten, dass endlich irgendwann mal der richtige Unterricht losgeht. (Aber zugegeben, Motivationsphase und Motivation sind zwei verschiedene Sachen.)

Unappetitlich finde ich den Umkehrschluss gar nicht, sondern naheliegend und logisch. Wer Mechanismen extrinsischer Motivation durchschaut, lässt sich weniger davon beeinflussen oder hat zumindest mehr Kontrolle darüber. Und gute Schüler sind oft schon motiviert, die brauchen nicht noch extra welche.

(Ob Intelligenz und Erfolg im Leben – was auch immer man darunter verstehen möchte – viel miteinander zu tun haben, ist eine andere Frage.)

— Am Freitag ist Abiturfeier, am Anfang der Woche gab es schon die Abiturzeitung. Hm. Launige Lehrerzitate, viel Selbstdarstellung. Die üblichen Umfragen, zum Teil aufschlussreich („Welche/r Lehrer/in ist leicht ablenkbar?“ – laut Deutschlehrer) oder nicht ohne einen gewissen Reiz („Welche/r Lehrer/in verstößt selbst gegen die Teppichbodenregel?“), aber auch völlig uninteressant („Wer wird mal Osterhase?“). Aber immerhin alles oberhalb der Gürtellinie.

Die Reiseberichte über die Kursfahrten habe ich gar nicht erst gelesen, das ist sicher interessant, wenn man dabei war, aber sonst nicht. Als es noch Leistungskurse gab, stand zu jedem Leistungskurs ein Beitrag in der Abizeitung, im G8 gibt es das nicht mehr – bei uns gab es immerhin zu allen vier Deutschkursen eigene Beiträge, vielleicht stellvertretend für alle Kurse, vielleicht auch, weil die Deutschlehrer recht geschlossen auftraten, vielleicht auch, weil Deutsch das Fach ist, dass irgend etwas mit Texten zu tun hat.

Ansonsten gab es wenig Textbeiträge – aber immerhin einen Kommentar zu unserer Hausordnung. Das ist schon mal ein Anfang. Vielleicht sollte man bei den nächsten Übungsaufsätzen auch mal einen solchen Abizeitungs-Kommentar anregen. Kritisiert wird in diesem Beitrag unter anderem, dass laut Hausordnung Schüler (und Lehrer) in den Gängen und Klassenzimmern nicht essen dürfen. Etwas kurzsichtig wird das auf einen von den Schülern als Planungsfehler interpretierten Aspekt des Schulgebäudes zurückgeführt: „Ohne Teppichboden müsste man das Essen auf demselben nicht verbieten.“ Oh mei. Das dort nicht gegessen werden soll, hat wenig mit dem Teppich zu tun, sondern das ist ein pädagogischer Wunsch der meisten Lehrer – auch wenn es das ohne Teppich wohl nicht bis in die Hausordnung geschafft hätte.

(Warum das ein Wunsch ist, also meiner zumindest? Sagen wir als Kurzfassung: ich möchte auch nicht, dass die Lehrer im Lehrerzimmer an den gemeinsam genutzten Arbeitstischen essen.)

Leider ist auch dieser Kommentar, wie alles an einer Abizeitung, keine Aufforderung zu einem Dialog. Dabei würde ich gerne ausführlich darauf reagieren, und eine Reaktion wiederum darauf erwarten. Nicht zwischen Tür und Angel im Gespräch, das ist oberflächlich und flüchtig. Aber solange wir nicht wieder eine bloggende Schülerin haben, wird es diese Kommunikationsform nicht geben.

Der Nutzen einer Hausordnung wird dabei keineswegs in Frage gestellt – für die Unterstufenschüler, also die anderen. „Absolut respektlos“ sind die nämlich. Zum ersten Mal habe ich das vor zehn Jahren von Oberstufenschülern gehört, dass die jüngeren Klassen so frech sind. Zum meiner Zeit war das anders, da hat man sich gegenseitig gar nicht groß wahrgenommen… vielleicht haben wir in der Oberstufe auch respektvolleres Verhalten eingefordert? Jedenfalls höre ich die Klagen über die Unterstufe regelmäßig jedes Jahr.

Nachtrag zur Motivation: Erstens kennen wir alle auch den Fall des intelligenten, aber lernunwilligen Schülers. Pubertät in der Mittelstufe und so. Da kann man mit externer Motivation wenig machen. Und zweitens sind das alles bestenfalls statistische Erscheinungen, die eventuell für bildungspolitische Entscheidungen herangezogen werden können – als Lehrer hat man es immer mit Einzelfällen zu tun, und die müssen nie dem statistischen Muster entsprechen.

Fundsachen, dann doch fast nur zu einem Brief in der Zeit

Lesenswert und oft verlinkt: Liebe Marie, ein Artikel in der Zeit, in dem der Journalist Henning Sußebach so tut, als schriebe er seiner Tocher (fünfte Klasse, Gymnasium, Schleswig-Holstein) einen Brief. Und mit vielem in diesem Brief hat er recht. Er greift dabei nur wenig die Lehrer an, sondern eher das Schulsystem, die Politik, die Erwachsenen. Für den Unterricht ist der Text gut geeignet, da ich mir vorstellen kann, dass jeder dort viele Punkte findet, denen er zustimmt, und andere, die er ablehnt. So auch ich.

Der Tenor: Warum müssen die Kinder so viel Leid und Stress haben in der Schule, so viel Zeit damit verbringen, wo man ihnen dadurch wichtige Kindheitszeit stiehlt, wo man ihnen dadurch wichtige Erfahrungen vorenthält – auch Muße und Langeweile – und sie stattdessen zu bürofreundlichen Arbeitserledigern heranbildet?

Im Prinzip gebe ich Sußebach Recht, aber ich mag das Kleinzprinzliche der Brieffiktion nicht. „In dem Zauber verweilen, den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt – als laufe man erwachend durch einen Traum.“ Da möchte ich mit Ringelnatz immer seufzen: „Ich weiß! Ich weiß! Schon gut! Schon gut!“ Warum hört man immer von den kleinen Mädchen, die ihre Reitstunden aufgeben müssen, weil das Gymnasium so schwer ist, und nie von den betrunkenen Abiturfeiernden, wie sie letzten Mittwoch nach den letzten Prüfungen im Supermarkt neben unserer Schule Kassiererinnen nervten? Oder von den Schülern der Nachbarschule, die ihre Hochschulreife mit Bier- und Schnapsflaschen und Fässern auf dem gemeinsamen Schulgelände grölend feierten? Das sehe ich noch viel mehr als Versagen von Bildung und Erziehung.

Bei verklärenden Kindheitsbildern seit Rousseau schalte ich gerne mal voreilig ab. Neulich Hartmut von Hentig gelesen, Bildung – und alle Beispiele darin entstammten der schönen Literatur. Bis auf eines, die Biographie einer Schauspielerin (Namen vergessen), die auch ganz ohne Schule und unabhängig und auf Boot etc. aufgewachsen. Informiert man sich, stellt man fest: diese Biographie war auch nur erfunden. Das heißt alles nicht, dass Hentigs Menschenbild nicht stimmt. Es heißt nur, dass man gerne auf schöne Geschichten hereinfällt.

Zurück zum Brief an Marie. Dort wird die Ansicht des Soziologen Hartmu Rosa wiedergegeben: „Ihr Kinder müsst Euch wieder langweilen dürfen.“ D’accord. Wie schön allerdings, dass eine Studie herausgefunden hat, dass Schule langweilig ist– und damit übrigens eine wenig ältere Studie bestätigt, die zum gleichen Ergebnis kommt. Wir tun ja schon alles, was wir können!

(Man könnte argumentieren, dass es Rosa um ein Langweilen-Dürfen geht, während Schule eine Langweilen-Müssen ist. Aber selbst bei letzterem kann man gut kritzeln und Briefchen schreiben, und solange es Two-and-a-Half-Men und Facebook gibt, wird ersteres nicht mehr geschehen. Langweilen kann man sich nur, wenn man nicht gelernt hat, wie man Zeit totschlägt.)

Zum Ergebnis der Studie: Schüler langweilen sich auf der Grundschule wenig, auf Mittelschule und Gymnasium mehr. Das ist schlecht, keine Frage. Aber: kann das nicht auch am Alter liegen? Entwicklungsbedingt sein? Ab wann haben Schüler das Recht, selbst zu verantworten, ob sie sich langweilen oder nicht? So oder so ist es wohl: selbstbestimmte Arbeit ist keine Arbeit, sondern macht Spaß. Fremdbestimmte Arbeit ist immer Arbeit. Die kann allenfalls halbwegs erträglich sein (so wie ich das aus meiner Schulzeit kenne), wenn die Anforderungen gerade so sind, dass ich mit ein wenig Mühe knapp erreiche. Das ist dann befriedigend. Aber immer noch Arbeit. Warum kann die Arbeit an der Schule nicht selbstbestimmt sein? Weil der Staat sagt, dass Schüler bestimmte Sachen lernen sollen. Dagegen kann man natürlich sein, und vielleicht ist das sogar eine gute Idee.

Fußnote 1: „Wird Dir jemals ein Lehrer erzählen, dass das Wort Schule aus dem Griechischen stammt und eigentlich ‚freie Zeit‘ bedeutet?“ Aber klar. Lehrer erzählen Schülern ständig so etwas. Und Marie wird mit den Augen rollen dabei.

Fußnote 2: Sußebach zitiert den Bildungsforscher Kurt Heller mit einem differenzierten Blick aufs G8. Das habe „für 25 bis 30 Prozent der Gymnasiasten mehr gebracht – für die anderen wäre G9 vorteilhafter gewesen.“ Ich weiß nicht, ob die Zahlen stimmen, kann mir das aber schon so vorstellen. Leider hört man selten so differenzierte Aussagen.

Der Hauptanklagepunkt Sußebachs ist vielleicht der, dass alles in der Kindheit einen Zweck haben muss, einen Sinn. Das ist tatsächlich schlecht. Und wird von vielen Eltern und der Wirtschaft tatsächlich zumindest für die Schule gefordert: die muss unmittelbar verwertbar sein. „Wir haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen.“ Stimmt. Und das ist schlecht, ich wiederhole das. Sußebach macht sich Sorgen, dass nur die angepassten, braven am Gymnasium bestehen. Dass „die Querköpfe, die Nervensägen, die Rotznasen“ aussortiert werden. Hm, weiß nicht. Querköpfe gibt es sehr wenige an meiner Schule, das stimmt. Aber ich weiß nicht, woran das liegt, und ob es weniger sind als früher. Vielleicht. Ich würde aber nie sagen, dass die Braven, Angepassten bleiben. Siehe bierfreudiges Abifeiern. Aber auch da kommt es darauf an: angepasst woran?

Muss jetzt schließen, die Batterie vom Keyboard ist leer. Eigentlich: Abendessen, aber so oder so höre ich jetzt auf, unfertig wie der Text auch ist.

Hörenswerter Vortrag einer Anthropologin:

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Amber Case: We are all cyborgs now.

Dort habe ich auch zum ersten Mal den inzwischen häufiger gefundenen Begriff digital adolescence gehört. Ist vielleicht eine interessante Ergänzung zu digital resident und digital visitor. (Das mit den natives wollen wir ja eh mal ruhen lassen.) Demnach gäbe es auch digital adults und digital infants und dergleichen – eine zeitliche Bildebene statt einer räumlichen.

Neues vom Abitur: bis vor ein paar Tagen hatte man das G8-Abitur in Bayern nicht bestanden, wenn man in den drei Pflichtfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprache mehr als einmal unter 5 Punkten in der Abiturprüfung hatte. Das war mir selber, ehrlich gesagt, auch erst zu spät klar geworden, sonst hätte ich das angesprochen. Die Schüler hatten das alle in ihren Informationsbroschüren stehen, aber ich weiß nicht, ob sie das wirklich verstanden haben. Denn unter 5 Punkten, das kommt in Klausuren wie in Abituren nicht so gar selten vor.
Deshalb mag es für manche ein Glück gewesen sein, dass ein Schreiben des Ministeriums vorgestern die Schulen darüber informierte, dass die Regelung entschärft worden ist: einmal 4 Punkte und einmal 5 Punkte in diesen drei Fächern gehen auch.

(Pressemitteilung StMuK)

„Diese Entscheidung erfolgte auf der Basis vorliegender Rückmeldungen von Schulen und nach Gesprächen mit Lehrkräften, Schulleitern, sowie Vertretern von Lehrer- und Elternverbänden“ und ist Teil eines sogenannten Monitoringprozesses – das heißt, dass während der gesamten G8-Oberstufenphase immer wieder Feinjustierungen an der Notenregelung und anderem vorgenommen wurden, wenn es denn Gespräche mit Lehrkräften, Schulleitern, sowie Vertretern von Lehrer- und Elternverbänden erforderten. So konnten die Schüler etwa wählen, ob die Klausurnoten im Vergleich zu den anderen Noten doppelt oder einfach gewichtet werden sollten.

Im G9 gab es das Problem in dieser Form nicht: da musste niemand in Deutsch oder Mathematik Abitur machen, und jetzt müssen das alle. Kein Wunder, dass das nicht so glatt geht. (Pressemitteilung der bayerischen Grünen dazu, denen die Verpflichtung zu diesen drei Fächern nicht gefällt.) Ich halte es eigentlich schon für sinnvoll, diese drei Fächer herauszuheben. Aber dann muss das den Schülern und Schulen auch bewusst sein und es muss die nötigen Ressourcen dazu geben. Diese Feinjustierung in letzter Minute wirkt jedenfalls sehr, sehr ungeschickt, auch wenn Lehrer und Schüler froh sein werden über die ansonst nötig gewesenen Zusatzprüfungen, die jetzt entfallen. Eine Niveausenkung ist das allemal.

Abitur Informatik: Premiere

Letzten Freitag haben alle G8-Schüler der 12. Jahrgangsstufe ihr Deutsch-Abitur geschrieben. Nächsten Freitag schreiben alle das Mathematik-Abitur. Und dazwischen, nämlich heute, hatten sie ihr drittes schriftliches Fach. Das kann so ziemlich jedes andere Fach sein, und da in Musik, Englisch, Französisch jeweils auch noch Hörtexte zu den schriftlichen Aufgaben kommen, gab es bei uns sehr viele kleine Gruppen von Schülern – und zwei Aufsichten pro Gruppe, unabhängig von deren Größe. Sag ja nur. In den nächsten beiden Wochen finden dann mündliche Prüfungen in zwei weiteren Fächern statt.

(Parallel dazu Probeunterricht und Personalratswahlen.)

Insbesondere war heute das Abitur Informatik, zum ersten Mal in Bayern. Zehn Schüler haben das bei uns geschrieben; die Arbeiten habe ich noch nicht angeschaut, deshalb kann ich jetzt noch darüber schreiben. Die Aufgaben sahen durchaus machbar aus, sehr dem Musterabitur vergleichbar. Den Schüler hatte ich brav noch ein Periodensystem der chemischen Elemente besorgt, weil das ein zugelassenes Hilfsmittel für die Prüfung ist, das von der Schule gestellt wird. Ja mei, wenn’s schlau macht.

Es gibt zwei Themengebiete: „Modellierung und Programmierung“ zu 80 Punkten und „Theoretische und technische Informatik“ zu 40 Punkten. Zu jedem Gebiet gibt es zwei Aufgabensätze, der Fachausschuss wählt jeweils einen davon aus, den die Schüler dann bearbeiten. Hoffentlich haben diese sich die anderen Aufgaben auch angeschaut: die Lösung zu einer Frage aus dem ersten Gebiet befand sich in einer Angabe aus dem anderen, durchgestrichenen Satz. Beim zweiten Gebiet gab es auch einen Hinweis im jeweils anderen Fragensatz.

Bin schon gespannt, wie anders sich das korrigiert als das Deutschabitur. Bei dem war ich sehr gelassen, ist ja auch schon das vielte Mal; bei Informatik war ich ein bisschen aufgeregter.

(Ein Schüler fragte schon per Mail, wann und wo man die Lösungen einsehen könnte. Oh schöne neue Welt.)


Nachtrag: Glücksbringer vor dem Informatik-Abitur.

Abiturrede

Weil gerade wieder Abitur war, hier eine der Abireden, die ich aufgehoben habe, Jahrgang 2000. Ich benutze sie gelegentlich im Unterricht, wenn es um Aufbau einer Rede, Situationsbezogenheit und Stilmittel geht – manchmal auch im Kontrast zu anderen Abiturreden, die deutlich weniger gelungen sind.

Guten Abend – wir haben Abitur.

Dazu haben wir 13 Jahre unseres Lebens gebraucht. 13 Jahre, in denen wir mehr oder weniger fleißig, intensiv, motiviert und interessiert meistens (fast immer!!!) unsere gesamten geistigen Kräfte für unser schulisches Weiterkommen verwendet haben. 13 Jahre, in denen das XYZ-Gymnasium zu unserem zweiten Zuhause wurde, 13 Jahre, in denen sich die Anzahl unserer Mitstreiter kontinuierlich dezimierte. 13 Jahre, in denen sich die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern mal zum Schlechten mal zum Rechten entwickelte.
Doch was soll’s?
Der Lohn dafür ist der Schlüssel zu den Toren der Welt, das Visum für unsere glorreiche Zukunft, unsere akademische Green Card.
Heute Abend erhalten wir die Mappe aus Pappe, die die Welt bedeutet.
Doch was bedeutet sie wirklich?

Sind wir tatsächlich auf unsere Zukunft vorbereitet?
Wir können lateinische Gedichte skandieren, wissen mit komplexen Zahlen umzugehen, hermetische Gedichte zu entschlüsseln, haben den eindimensionalen Potentialtopf kennengelernt, beherrschen das gesamte Regelwerk von mindestens vier Sportarten und sind in der Lage, die Strukturformeln jedes am Calvin-Zyklus beteiligten Stoffes zu zeichnen.
Sie sehen, wir sind im Allgemeinen gebildet, aber haben wir auch Allgemeinbildung?
Für uns bedeutet dieser Begriff mehr als das im Gymnasium Erlernte.
Er umfasst zum Beispiel selbständiges Denken, eigene Ideen zu entwickeln, zu individuellen Ergebnissen zu kommen und diese zielstrebig umzusetzen. Auch Flexibilität wird im Berufsleben immer wichtiger. Von uns wird erwartet, Konfliktsituationen zu bewältigen und Teamfähigkeit zu zeigen.
In der Schulzeit lernt man früh, das eigene Wohl in den Vordergrund zu stellen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Beim Streben nach guten Zensuren bleibt die Solidarität schnell auf der Strecke. Das Ziel ist der Weg, und der Weg ist man selbst.
Zu oft werden Ungerechtigkeiten von den Schülern zwar bemerkt aber dennoch übergangen. Der Grund dafür ist häufig die Angst des Einzelnen, in der Gunst des Lehrers zu sinken oder auch nur die pure Ignoranz und Faulheit. Dies gilt ebenso für das Verhältnis der Schüler untereinander, welches oft alles andere als kollegial ist. Individualität wird nicht gern gesehen und kann nur mit einem großen Maß an Selbstbewusstsein ausgelebt werden.

Unserer Meinung nach könnte der Egoismus durch schulisch geförderte Gruppenarbeit und gemeinsame Projekte gemindert werden. Dass dafür die Schüler ebenso Bereitschaft zeigen müssen, steht außer Frage. Auch wird im Unterricht zu wenig diskutiert. Die Streitfähigkeit als notwendiges Mittel im sozialen Umgang wird durch den Frontalunterricht leider zu wenig berücksichtigt. Dabei ist gerade diese Eigenschaft im Berufsleben elementar.
Ebenso wichtig ist praktische Erfahrung, welche gerade am Gymnasium vernachlässigt wird. Die Ausübung eines mehrtägigen Praktikums beruht allzu oft auf Eigeninitiative und wird von der Schule zu wenig unterstützt. Statt dessen wird dies Schülern mit einem Hinweis auf den ohnehin überfüllten Lehrplan nur unter Vorbehalt genehmigt bzw. ganz verweigert.
Auch der Umgang mit neuen Medien kommt zu kurz. In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist der Computer zu einem ständigen Begleiter geworden, mit dem auch wir in unserer Schulzeit stolze zwei Stunden konfrontiert wurden.
Glücklicherweise wurde dieses Problem bereits erkannt mit der Konsequenz, Informatik in absehbarer Zeit mehr in den Lehrplan zu integrieren. (Dieser Ansatz sollte auch auf die übrigen neuen Medien ausgeweitet werden.) Doch für jede Veränderung reicht die alleinige Initiative des Kultusministeriums nicht aus; um eine Reform effektiv zu realisieren, muss ebenso viel von Seiten der Lehrer und Schüler beigetragen werden.

Zu all den eben genannten Kritikpunkten noch ein paar Worte in eigener Sache: Wir, die 13. Klasse des XYZ-Gymnasiums sind immer mit vorbildlichem Beispiel vorangegangen. Tagtäglich zeigten wir mit jeder Faser unseres Körpers vollen Einsatz, haben die Lehrer stets zu innovativen Projekten angehalten, waren für alle Neuerungen offen und haben auch außerhalb des Unterrichts unser schulisches Engagement nie aufgegeben. Die Lehrer konnten sich vor intellektuellen Schülerbeiträgen kaum retten, wurden mit interessierten Fragen bombardiert und unser enthusiastischer Wissensdrang konnte selbst durch den Schulgong nicht eingedämmt werden. Irgendwelche Zweifel??? Die haben wir auch.
Wir sind uns bei aller Kritik am Schulsystem durchaus darüber im Klaren, dass die Motivation und das Engagement der Schüler zu wünschen übrig lassen. Die Schule wurde von uns zu oft nur als Belastung empfunden und nicht beispielsweise als Möglichkeit zur Interessensfindung gesehen.

Doch das haben wir alles hinter uns.
Blicken wir in die Zukunft.
Arbeitslosigkeit und Aufstiegschancen sind Schlagworte, mit denen wir fast täglich konfrontiert werden. Man hört regelmäßig von der Unsicherheit des Arbeitsplatzes, höheren Anforderungen im Bereich Flexibilität und Belastbarkeit, von Globalisierung und Rationalisierung.
Doch was sollen diese Begriffe für uns bedeuten? Wir haben unsere Schulzeit gerade beendet und stehen nun vor der schwierigen Entscheidung, welchen Weg wir einschlagen sollen. Die Tatsache, dass uns so gut wie alle Türen offenstehen, bedeutet gleichzeitig auch die Qual der Wahl. Es stellt sich die Frage, welche Faktoren für unsere Berufsfindung wirklich wichtig sind: Soll der Arbeitsmarkt über unsere Zukunft entscheiden, oder doch lieber unsere individuellen Interessen? Inwieweit sind Arbeitsmarkt und Interesse überhaupt miteinander vereinbar? Bedeutet beispielsweise Talent und Begeisterung für das Schulfach Deutsch auch Freude am Beruf des Germanisten?

Trotzdem lassen wir uns davon nicht beeindrucken. Wir nehmen unsere Zukunft selbst in die Hand, wir werden unseren Weg gehen.
Wir kriegen das hin.
Schließlich sind wir ja der Abi-Jahrgang 2000!!!!

(Birgit F., Florian F.)

Ohne explizite Erlaubnis ins Blog gestellt, ich habe damals nur die Erlaubnis für die Schulhomepage eingeholt. Deshalb auch (c) Birgit F., Florian F., keine CC-Lizenz. Ich habe leider keinen Kontakt zu diesen Schülern, so dass ich nicht fragen kann. Bei Einwänden bitte melden.

Verschiedene Links zum Thema, die ersten drei innerhalb meines Blogs, damit ich hier mal alles versammelt habe und auch einen Ort für zukünftige Links habe:

Abiturfeier 2010

Am Donnerstag gab es die Abizeitung: schönes Titelbild, schönes Layout, saubere Redaktion trotz einiger Fehler. Problematisch allenfalls die Statistiken am Schluss: Wer ist das Mauerblümchen der Stufe, wer wird mal Pornodarstellerin? Ich weiß nie, wie sehr das die Schüler trifft. Ähnlich mit den Umfragen zu Lehrern: Wer ist verplant, unvorbereitet, würfelt die Noten aus? (Neben allerlei harmlosem Lustigkram. Sehr schön die Frage: „Wer glaubt an das Übernatürliche?“, mit Religionslehrern als Ergebnis.)

Zu den Leistungskursen gibt es durchweg freundliche Worte, und wie immer erhält jeder Schüler zwei volle Seiten Bild und Text – mehr, als jeden Lehrer interessieren könnte, aber vielleicht die Mitschüler oder zumindest die jeweiligen Schüler selber. Der Adressat der Abizeitung ist ja auch die Zukunft, damit man sich das in zehn Jahren noch einmal anschauen kann, dauerhafter als Erz. Bei meiner eigenen Abizeitung gab es ein kleines Bild und fünf Zeilen pro Schüler. Knackig formuliert, dafür ohne paarreimende Gedichte immer knapp am regelmäßigen Metrum vorbei. Ein bisschen mehr literarischer Anspruch wäre schön, aber das ist keine besonders starke Seite unserer Schule allgemein. (Die sind eher Musik und Theater.)
Aber zugegeben: am Freitag war die Abifeier, da habe ich noch mal alle Schüler vor Augen gehabt, und daraufhin habe ich die Abizeitung noch einmal etwas gründlicher gelesen, auch noch einige der Schülerdoppelseiten.

Ja, die Abifeier also. Sie fand zum ersten Mal in unserem Schulgebäude statt. Nicht ganz freiwillig, die Schüler hatten den schon immer verwendeten Festsaal auf dem Klosterglände nicht rechtzeitig angemietet. Der Schule und den Lehrern ist die Aula allerdings lieber. Und das war dann auch tatsächlich eine gute Idee.

Der rote Teppich war ausgerollt:

Die Schulleitung hatte zur Feier des Tages sogar unsere begehbare abgesperrte Skulptur aufgemacht. Die Absperrung drumrum gibt es zwar nicht mehr, aber eine Kette verhindert normalerweise immer noch den Zugang, wenn nicht gerade Gäste auf dem Schulgelände sind. Versicherungstechnisches vielleicht.

Die Feier begann um 14 Uhr. Das zwingt Münchner wie mich zu folgender logistischer Vorgehensweise: Anzug in der S-Bahn mitnehmen (Transportbehältnis ist vorhanden), Hemd und Schuhe auch, dafür nur leichtes Schulgepäck: Unterricht ohne Buch und Ordner. Die Manschettenknöpfe hatte ich leider in einer anderen Tasche gelassen, vielen Dank an Frau und Herrn H. fürs Leihen. Nach dem Unterricht umziehen, Jeans, Polohemd, Schuhe, Schultasche in der Schule lassen, im Anzug nach Hause fahren. Am Montag nur mit leichtem Schulgepäck in die Schule fahren, um Anzug wieder zurückbringen zu können.

Das Programm lief zum ersten Mal so ab:

  • 13.30 Uhr: Einlass
  • 14.00-16.00 Uhr: Reden von Schulleitung, Bürgermeister, Kollegstufenbetreuer (wie so oft: ganz exzellent), Elternvertreter, Schülern. Danach kurze und freundlich gehaltene Verabschiedung der Leistungskurslehrer durch die LKs. Gut so.
  • 16.00-16.30 Uhr: Pause. Sollte nur eine Viertelstunde sein, aber allen Gästen war nach doppelt so viel.
  • 16.30-18.00 Uhr: Zeugnisverteilung. Jeder Schüler kriegte seine 30 Sekunden Ruhm in Form von Hintergrundmusik und bekam das Zeugnis mit Handschlag.
  • 18.00-19.00 Uhr: Sekt und Herumstehen in der Schule. Das war schön
  • 19.00 Uhr: Buffet und Sitzen und Trinken auf dem Klostergelände. Abends dann irgendwo Party für die jungen Leute.

Insgesamt mit vier Stunden eigentlicher Veranstaltung immer noch länger als eine Oscarverleihung (der Maßstab, an dem ich Abifeiern messe), aber schon deutlich kürzer als früher bei uns üblich. Lieber wäre mir zwar eine knappe Zeugnisübergabe am Vormittag und abends ein echter Abiball, also mit Live-Musik und Tanzfläche, aber das hat an meiner Schule keine Tradition. Ansonsten war das organisatorisch die beste Form von Abiturfeier bisher, am schönsten war die Stunde zwischen sechs und sieben Uhr: von einigen rasch getrunkenen Gläsern Sekt ermutigt, habe ich mich von den Schülern verabschiedet, derer ich habhaft werden konnte. Leider waren einige schon weg. Überhaupt waren viele nicht beim Buffet; es gab wohl Schwierigkeiten bei der Kartenvergabe, so dass etliche mit ihrer Familie Essen gingen, ohne am Buffet zu sein. Dann lieber ein längerer Empfang an der Schule.

— Selbst die zweite Hälfte der Abifeier, die Zeugnisvergabe, wurde mir nicht langweilig: ich saß neben Kollegin L. und bei jedem Schüler, der auf die Bühne trat, riefen wir uns zu: „Englisch 5. und 6. Klasse, Deutsch 7, Leistungskurs“ oder „Englisch 7 und Informatik 10“, je nachdem, wann wir die Schüler gehabt hatten. Das machte dieses endlose Reihe von Schüler auch gleich persönlicher, über jeden haben wir zumindest ein bisschen nachgedacht und uns erinnert. Danach haben wir dann aber auch gleich die Kleidung des Schülers oder der Schülerin kommentiert. „Schöne Schuhe“ oder „geht ja gar nicht“ und alles dazwischen. Ich habe da schon zu vielen der vorgeführten Kombinationen eine Meinung. Hier zwei, die mir besonders positiv aufgefallen sind:

Die Dame im auffälligen uncoolen edwardianischen (?) Stil mit Haarschmuck, als Eingangsmusik eine orchestrale Nummer aus Mary Poppins. Hat sehr gut zusammengepasst. Der Herr weniger kontrovers, sehr leger, aber es war ja auch heller Sonnenschein am Nachmittag und nicht Abend. Kann ich mir auf einer Yacht vorstellen. Schöne Schuhe.

Mit Modeblogs kenne ich mich kaum aus, ab und zu weist man mich auf schöne Bilder beim Sartorialist hin, etwas öfter noch kriege ich den Spott bei go fug yourself mit. So eine Art kritische Modenschau bei den Abiturfeiern könnte ich mir auch vorstellen. Nächstes Mal nehme ich eine bessere Kamera mit und konzentriere mich auf die Kleidung.

Zu diskutierende Punkte:

  • Turnschuhe zum Anzug: so 80er 90er Jahre.
  • Überhaupt: die Schuhe machen ganz viel aus. Bin eher für geschlossene Schuhe statt Abendsandalen. Ballerinas passen gar nicht, aber ich habe ein Herz für sie.
  • Kleid schulterfrei und und eine Handbreit überm Knie: können die wenigsten tragen. Schon gar nicht in bonbonfarben.
  • Strümpfe/Strumpfhose oder bloße Beine: vertagt, da keine Einigkeit unter den Diskussionsteilnehmern.

Aber man will ja keinen Druck ausüben auf die jungen Leute. Etliche haben sich gleich nach der Hauptveranstaltung schon wieder umgezogen.

Abistreich 2010

Ich kam heute früh in die Schule und wurde begrüßt mit: „später ist dann Abistreich“. Na toll. Letzte Woche hatte eine Durchsage noch angekündigt, der Abistreich fiele dieses Jahr aus. Respekt, hatte ich gedacht, endlich kapiert, und vielleicht gibt es dann nach einer Pause von einigen Jahren wieder mal neue Ideen. Heute dann also nix mit Respekt, und nix mit neuen Ideen. Aber das Wetter war schön, die Laune wohl gut.

Ich bin bekennender Abistreich-Muffel. Dass mein Bekenntnis niemand interessiert, hindert mich nicht daran, es immer wieder laut zu verkünden. Hingegangen bin ich dann doch, um es mir anzuschauen. Es half, dass ein Schüler mich daran erinnert hat, dass ich dann darüber etwas in mein Blog schreiben könnte. Und ich mag unsere Schüler ja auch, das sind nette Menschen. Trotzdem, wenn ich wie jedes Jahr und jeder Lehrer empfangen werde mit: „Sie müssen jetzt in den Käfig“, dann lehne ich dieses Angebot sehr bestimmt ab. Ich suche mir immer noch selber aus, in welche Käfige ich mich stecken lasse. Wenige Minuten später landete die erste Wasserbombe neben mir, da habe ich mich dann umgedreht und bin gegangen und kam früher nach Hause. Deshalb auch kein Foto heute.

Objektiv betrachtet, war das sicher ein lustiger, fröhlicher, heiterer Abistreich. A good time was had by all. Die Sonne schien, es gab eine Bühne, Lautsprecher und Mikrofone und lustige Spiele. Drumrum Wasserbomben und Spritzpistolen. Meine Sechstklässler waren aufgekratzt und munter. Und die Mehrzahl der Kollegen findet das auch schön.

Subjektiv nehme ich mir das Recht heraus, ein Abistreich-Muffel zu sein. Warum eigentlich? Nach ein wenig Selbstbetrachtung komme ich zu dem wenig schmeichelhaften Schluss, dass das auch aus Trotz geschieht. Wenn ich vorher an Abistreichen herummaule, und das tue ich, dann kann ich auch nicht so einfach mitmachen. (Anders als Kollegen, die diese Abistreiche lustig und nett finden, aber dann doch weg müssen, weil sie – leider – schon Termine ausgemacht hatten.) Vermutlich wäre ich auch geblieben, wenn man mir vorher nicht den Mund wässrig gemacht hätte damit, dass der Abistreich ausfallen würde. Und vor allem ist es wohl Trotz gegenüber der Tradition und Entscheidung, Lateinmarsch und Abistreich in dieser kanalisierten Form Jahr um Jahr stattfinden zu lassen. Dafür können die Schüler des jeweiligen Jahrgangs nichts.

Dazu kommt noch, dass ich mich auf großen, lustigen Partys inmitten ausgelassener Menschen mit Wasserpistolen nicht wohl fühle. Als wäre ich der einzige nerd unter lauter jocks.

Hier ein Bericht aus veranstaltender Schülersicht. Bitteschön, wenn es da schon steht: ich halte es für einen Fehler, einen Probe-Feueralarm dazu zu nutzen, Lehrer und Schüler auf die Wiese zu kriegen. Bin jetzt voll motiviert, den nächsten Probealarm ernst zu nehmen und auch da schnell Vollzähligkeit der Schüler zu melden..

Wenigstens weiß ich jetzt, worüber meine 6. Klasse einen Bericht schreiben muss. Ha!

Leistungskursfotos (Kultur, seit Menschengedenken)

Heute wurden die Leistungskursfotos geschossen, die dann später in den Jahresbericht kommen und von denen Schüler sich Abzüge machen lassen können. Das ist ein Termin, der den Schülern sehr wichtig ist. Ein besonders wichtiger Punkt dabei ist das thematische Verkleiden oder zumindest die Andeutung davon. So sieht man gleich, welcher Leistungskurs das war: Die Wirtschafts-LK kommen in angedeuteten Nadelstreifen, andere LKs schwenken Fahnen, halten Bücher hoch, tragen passende T-Shirts. Ich halte das für eine schöne Idee. (Dass die Lehrer manche Ideen nicht mitmachen, etwa das Demonstrieren von Wein- oder Bierflaschen, damit müssen die Schüler leben.) Trotzdem muss ich ein bisschen daran herumpieksen.

Warum machen die Schüler das? Weil’s lustig ist, klar. Aber vor allem auch deshalb, weil sie das aus dem Vorjahr kennen, weil das Tradition ist, weil das schon immer so gemacht wurde. Aber was heißt das eigentlich, schon immer?

Auch das englische Rechtswesen kennt ein „schon immer“, genauer gesagt, ein „since time immemorial“, zu deutsch „seit Menschengedenken“. Leser und Hörer von Douglas Adams wissen es bereits: dafür gibt es ein Datum, den 6. Juli 1189. Da beginnt time immemorial, da beginnt das Menschengedenken, was seit damals gilt, gilt schon immer.

Bei Schulen ist das etwas anders. Da ist „schon immer“ vielleicht acht Jahre her, höchstens zehn. Alles, was es seit acht Jahren gibt, war schon immer so. Das gilt für Abiturfeiern, für Leistungskursfotos, aber auch für Konferenzbeschlüsse, glaube ich manchmal.

Kultur ist, was eine Generation der anderen weitergibt. Wenn es das nicht gäbe, müsste die Menschheit in jeder Generation von vorne anfangen – ohne das erworbene Wissen der früheren Generationen, ohne ihre Erkenntnisse, ohne die Geschichten zur Erklärung der Welt und Bewältigung des Lebens, ohne die errungenen Wertmaßstäbe. Kulturelles Wissen wird weitergegeben in Form von schriftlichen und anderen Aufzeichnungen, aber auch durch Lernen am Vorbild und durch mündliche Überlieferung.
Was lernen eigentlich die jüngeren Schüler von den älteren? In der heilen Welt der Internatsliteratur ist das viel, da übernehmen ältere Schüler Verantwortung in Form von Aufsichten, da gibt es Aufnahmerituale, und auch weniger erfreuliche Traditionen. Wie sieht das bei uns aus? Einige Sachen fallen mir ein, vor allem die Tutoren, die an unserer Schule ganz gut funktionieren. Da lernen die Jüngeren von den Älteren. Aber sonst sind für die Vermittlung von Kultur eigentlich weitgehend die Lehrer zuständig – abgesehen vom Abitur. Da werden uralte Traditionen plötzlich interessant.

— Vielleicht dazu passend ein Lied, „Standing on the shoulders of freaks“:

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Abi-Gala 2010

Gestern Abend fand die Abi-Gala der K13 statt. So etwas gibt es bei uns seit zwei Jahren; damit sammelt der Abschlussjahrgang Geld für die jeweilige Abifeier und Abizeitung.

(Ich stehe der ganzen Abiturfeierei ein bisschen zwiegespalten gegenüber; Abifeiern sollten einfach nicht wesentlich länger dauern als Oscarverleihungen. Aber die Schüler sind überzeugt, dass sie das verdienen, haben das anders als Lehrer auch nur einmal im Leben, und ich habe ja auch schon schöne Abifeiern erlebt. Von meinen Schülern will ich mich jedenfalls schon verabschieden.)

Bei der Abi-Gala zeigen Schüler, was sie alles können: Klavier, Gitarre, Chor, Gesang in verschiedenen Kombinationen; mehrere Bands, Ballett- und andere Tanzeinlagen; Jonglieren und Zaubertricks. Und das war schon eine Menge. Nicht alles war perfekt, aber schon schön, und sicher besser als alles, was ich zu so einer Veranstaltung hätte beitragen können. (Einen guten Kartentrick kann ich, aber das war’s dann schon.) Ich war jedenfalls beeindruckt von unseren jungen Leuten.

Einen Nachteil hatte die Veranstaltung allerdings: nach dem Motto „viel hilft viel“ war sie dann auch – viel zu lang. Ein paar Nummern weniger, ein paar Nummern kürzen, und das wäre eine rundere Veranstaltung gewesen.