Parabeln

Meine Parabelsequenz sieht meist so aus, dass ich mit einem biblischen Gleichnis beginne, am besten mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf: Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie ihn hörten. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: “Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen.” Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, so er deren eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er’s …

Die Wörter und die Dinge

Ich bin mit dem Deutsch-Leistungskurs an der Jahrhundertwende angelangt – Gegenströmungen zum Naturalismus, also Impressionismus und Symbolismus und fin de siècle und l’art pour l’art (statt: Kunst = Natur – X, wie wir im Deutschgeschäft sagen) und Stefan George und Rilke und Hofmannsthal. Eine Zeit, die ich mag. Ein Thema der Zeit: Abkehr von der realistisch-naturalistischen Wirklichkeitswiedergabe durch die Kunst: Die Kunst will jetzt aus dem Naturalismus fort und sucht Neues. Niemand weiß noch, was es werden möchte; der Drang ist ungestalt und wirr; er tastet ohne Rath nach vielen Dingen und findet sich nirgends. Nur fort, um je­den Preis …

Die Gedichte aus Dead Poets Society – und ein bisschen Textkritik

Im Laufe der ersten Jahre, nachdem ich im Kino Dead Poets Society gesehen hatte, habe ich so ziemlich alle Gedichte, die dort erwähnt werden, zusammengetragen. Ich mag Gedichte, und ich suche gerne. Da waren auch schöne Fundstücke dabei: Seit Jahren überlege ich, ob ich nicht irgendwie Vachel Lindsays ungeheuer rhythmisches mehrstimmiges Gedicht The Congo (A Study of the Negro Race) in den Unterricht kriege. Aber das geht wohl nicht, unter anderem wegen der Frage, wie gut gemeint, aber doch rassistisch das Gedicht ist (Wikipedia dazu). Irgendwann wollte ich die Gedichte auch mal fürs Web zusammenschreiben. Aber natürlich hat das längst …

Mervyn Peake, Lean sideways on the wind

Als ich in der 11. Klasse war, hat Englischlehrer rip bei uns unter anderem dieses Gedicht gemacht: Für heutige Augen vertrauter: Lean sideways on the wind Lean sideways on the wind, and if it bears Your weight, you are a daughter of the Dawn – If not, pick up your carcass, dry your tears, Brush down your dress – for that sweet elfin horn You thought you heard was from no fairyland – Rather it flooded through the kitchen floor, From where your Uncle Eustace and his band Of flautists turn my cellar, more and more Into a place of …

Woran merkt man, dass ein Gedicht lustig ist?

Bei Filmen habe ich mir schon als Teenager Gedanken über Genres gemacht: Woran, oder wenigstens: ab wann merkt man, dass ein Film eine Komödie ist? Dass ein Film also nicht den (von mir verabscheuten) vorgeblichen Realitätsmodus einnimmt, der ein Merkmal der Kategorien “Drama” und “nach einer wahren Begebenheit” ist? Bei manchen Filmen geschieht das sofort, bei anderen nach Minuten. Bei welchem Film dauert es am längsten? Signale dafür sind Filmmusik, Schriftzug und Art des Vorspanns und, lange danach, Aussehen der Figuren und Art und Inhalt ihrer Rede. (Und mise-en-scène und so weiter.) Ähnlich ist es mit literarischen Texten: Ab wann …

Verfilmte Gedichte

Was rip und seine Schüler so alles machen: Projektbeginn Tucholsky, “Augen in der Großstadt” Flake, “Liebe ist der Entschluss” Kästner, “Sachliche Romanze” Heine, “Sie saßen und tranken am Teetisch” Will auch, will auch! Kann nicht mal sagen, welcher mir am besten gefällt.

Gottfried August Bürger, Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen

Wer bist du, Fürst, dass ohne Scheu Zerrollen mich dein Wagenrad, Zerschlagen darf dein Ross? Wer bist du, Fürst, dass in mein Fleisch Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut Darf Klau und Rachen haun? Wer bist du, dass durch Saat und Forst Das Hurra deiner Jagd mich treibt, Entatmet wie das Wild? – Die Saat, so deine Jagd zertritt, Was Ross und Hund und du verschlingst, Das Brot, du Fürst, ist mein. Du Fürst hast nicht bei Egg und Pflug, Hast nicht den Erntetag durchschwitzt. Mein, mein ist Fleiß und Brot! – Ha! du wärst Obrigkeit von Gott? Gott spendet Segen …

Gedichte auswendig lernen

In der 9. Klasse mussten die Schüler zwischen drei kurzen, jeweils kurz im Unterricht besprochenen Gedichten von Robert Gernhardt wählen: “Jammer”, “Der Tag, an dem das     verschwand” und “Trost und Rat”. Lauter schöne Gedichte, die natürlich noch urheberrechtlich geschützt sind. Die Merkleistung ist gering, aber die Schüler merken hoffentlich, dass es nett sein kann, ein paar Zeilen Gedicht auswendig zu können. Gernhardt mögen die Schüler auch. Alle Gedichte muss man flüssig vortragen; zumindest die letzten beiden enthalten einen Wechsel im Tonfall (ein eingeschobenes: “Nun gut” oder “Na wenn schon!”), auf den man beim Vortrag nicht verzichten sollte. Bei “Der …

Rilke, Spanische Tänzerin

Spanische Tänzerin Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,eh es zur Flamme kommt, nach allen Seitenzuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreisnaher Beschauer hastig, hell und heißihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten. Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar. Mit einem Blick entzündet sie ihr Haarund dreht auf einmal mit gewagter Kunstihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken,die nackten Arme wach und klappernd strecken. Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,nimmt sie es ganz zusamm und wirft es absehr herrisch, mit hochmütiger Gebärdeund schaut: da liegt es rasend auf der Erdeund flammt noch …

Entfesselt: Mein innerer Dichter

Auslöser: Stephen Fry, The Ode Less Travelled. Unlocking The Poet Within. Ich weiß immer noch nicht, was ich von dem zehennagelaufrollenden Wortspiel des Titels halten soll. Der Untertitel ist allerdings tatsächlich wohl etwas tongue-in-cheek: Im Vorwort weist Fry darauf hin, dass es jede Menge Bücher gibt, anhand derer man die ersten Schritte fürs Malen erlernen kann und für das Spielen von allen möglichen Instrumenten. (Ich habe selber von beidem eine ganze Reihe.) Für die Lyrik aber nicht, und so hat er eines geschrieben. (Wer Stephen Fry nicht kennt: Ach, das ist eine zu lange Geschichte.) Fry beschränkt sich in diesem …