Vom Weben (Poverty Knock und anderes)

Das Lied habe ich anno 1997 oder 1998 als Referendar in Straubing im Englischunterricht eingesetzt. (Green Line 5, Ausgabe Bayern, 9. Klasse, Unit 2: ein schönes Kapitel mit gutem Material. Zum Einstieg etwas Landschaftsmaleri, ein ländlicher Constable und eine „British Steel Mill at night“ eines unbekannten Künstlers, ein Essay „Down the Mine“ von George Orwell und ein Ausschnitt aus Hard Times von Charles Dickens. Und „Dirty Old Town“ zum Anhören.)

Aus den Charts kannten die Schüler damals Chumbawamba mit „Tubthumping“ („I get knocked down/But I get up again“); ich hatte selber ihre Platte mit English Rebel Songs 1381-1914. Alle Lieder darauf sind a cappella gesungene Arbeiter- und Revolutionslieder der letzten Jahrhunderte. Darunter das hier:

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Poverty, poverty knock, my loom is a-saying all day,
Poverty, poverty knock, gaffer’s to skinny to pay
Poverty, poverty knock, keeping one eye on the clock,
I know I can guttle when I hear my shuttle go poverty, poverty knock

Up every morning at five, I wonder that we keep alive
Tired and yawning in the cold morning it’s back to the dreary old drive

(Meine CD-Version unterscheidet sich textlich etwas von der Aufnahme bei Youtube.)

Ein echter Ohrwurm. Das muss natürlich auch sein, der Rhythmus ist schließlich der monotonen Arbeit in einer Weberei nachempfunden. Dazu gab’s ein Arbeitsblatt mit dem mühsam herausgehörten Text; heute gibt’s das ja alles im Web. Kann man tolle Sachen mit machen, mit dem Lied. (Mit dem Web natürlich auch.)

Süß finde ich die Kommentare auf der Youtube-Seite, anscheined wird dieses Lied weiträumig auch von anderen Englischlehrern im Gymnasium eingesetzt.

Hier eine Version einer traditionelleren Musikgruppe, den Houghton Weavers aus Lancashire:

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Die Chumbawamba-Platte ist eine lohnenswerte Anschaffung, ich habe auch schon „General Ludd’s Triumph“ im Unterricht gemacht und einige der Texte aus den liner notes verwendet. Gelegentlich ertappe ich mich auch dabei, wie ich „Hanging on the old barbed wire“ (1914) vor mich hin singe. („If you want to find the general, I know where he is, I know where he is, I know where he is.“)

Zum Vergleich bieten sich natürlich „Die schlesischen Weber“ von Heinrich Heine an. Vorindustriell, weniger kritisch und verklärt wird noch in Des Knaben Wunderhorn in der deutschen Romantik gewoben:

Das Weberlied

Frühmorgens, wenn der Tag bricht an,
Hört man uns schon mit Freuden
Ein schönes Liedlein stimmen an,
Und wacker drauf arbeiten.
Die Spule die ist unser Pflug,
Das Schifflein ist das Pferde,
Und damit machen wir gar klug
Das schönste Werk auf Erden.

Gar manche Jungfrau freundlich spricht:
Macht mir gut Tuch zu Betten,
Das Garn ist auch schon zugericht,
Zu Tischtuch und Servietten.
Webt mir die schönsten Bilder drein,
Macht mir darin kein Neste,
Das Trinkgeld sollt ihr haben fein,
Webt mirs aufs allerbeste.

Und wenn ein Kriegsheld zieht ins Feld
Mit seinen Wehr und Waffen,
So schlägt er auf ein Leinwandzelt,
Darunter thut er schlafen.
Die schönste Arbeit weben wir
Von Seiden, Flachs und Wolle,
Dem Fähndrich weben wir’s Panier,
Daß ers erhalten solle.

Und ist die Leinwand nichts mehr werth,
Und ist die Fahn verloren,
So kömmt sie erst in rechten Werth,
Papier rauscht vor den Ohren,
Man druckt darauf das Gotteswort,
Und schreibt darauf mit Dinten,
Des Webers Werk währt immer fort,
Kein Mensch kann es ergründen.

Schon kritischer, aber immer noch vorindustriell, sieht das bei Thomas Hood aus (1843):

The Song of the Shirt

With fingers weary and worn,
With eyelids heavy and red,
A woman sat, in unwomanly rags,
Plying her needle and thread–
Stitch! stitch! stitch!
In poverty, hunger, and dirt,
And still with a voice of dolorous pitch
She sang the „Song of the Shirt.“

„Work! work! work!
While the cock is crowing aloof!
And work–work–work,
Till the stars shine through the roof!
It’s Oh! to be a slave
Along with the barbarous Turk,
Where woman has never a soul to save,
If this is Christian work!

„Work–work–work
Till the brain begins to swim;
Work–work–work
Till the eyes are heavy and dim!
Seam, and gusset, and band,
Band, and gusset, and seam,
Till over the buttons I fall asleep,
And sew them on in a dream!

„Oh, Men, with Sisters dear!
Oh, men, with Mothers and Wives!
It is not linen you’re wearing out,
But human creatures‘ lives!
Stitch–stitch–stitch,
In poverty, hunger and dirt,
Sewing at once, with a double thread,
A Shroud as well as a Shirt.

„But why do I talk of Death?
That Phantom of grisly bone,
I hardly fear its terrible shape,
It seems so like my own–
It seems so like my own,
Because of the fasts I keep;
Oh, God! that bread should be so dear,
And flesh and blood so cheap!

„Work–work–work!
My labour never flags;
And what are its wages? A bed of straw,
A crust of bread–and rags.
That shatter’d roof–and this naked floor–
A table–a broken chair–
And a wall so blank, my shadow I thank
For sometimes falling there!

„Work–work–work!
From weary chime to chime,
Work–work–work–
As prisoners work for crime!
Band, and gusset, and seam,
Seam, and gusset, and band,
Till the heart is sick, and the brain benumb’d.
As well as the weary hand.

„Work–work–work,
In the dull December light,
And work–work–work,
When the weather is warm and bright–
While underneath the eaves
The brooding swallows cling
As if to show me their sunny backs
And twit me with the spring.

„Oh! but to breathe the breath
Of the cowslip and primrose sweet–
With the sky above my head,
And the grass beneath my feet,
For only one short hour
To feel as I used to feel,
Before I knew the woes of want
And the walk that costs a meal!

„Oh! but for one short hour!
A respite however brief!
No blessed leisure for Love or Hope,
But only time for Grief!
A little weeping would ease my heart,
But in their briny bed
My tears must stop, for every drop
Hinders needle and thread!“

With fingers weary and worn,
With eyelids heavy and red,
A woman sat in unwomanly rags,
Plying her needle and thread–

Stitch! stitch! stitch!
In poverty, hunger, and dirt,
And still with a voice of dolorous pitch,–
Would that its tone could reach the Rich!–
She sang this „Song of the Shirt!“

Nachtrag: Im aktuellen Green Line 5 (9. Klasse, G8, Bayern) ist Poverty Knock tatsächlich auch drin, auch als Audiospur, allerdings nicht in der Chumbawumba-Version.

Claymore Pipes and Drums

Gestern war ich auf einem Dudelsackkonzert.

claymore-pipes-and-drums

Und schön war’s. Veranstalter waren die Claymore Pipes and Drums, es war ihr Jahresabschlusskonzert; Gäste waren vier Solisten vom National Piping Centre in Glasgow, bei einigen Nummern spielte die deutsche Band adrenalin mit. Aber hauptsächlich spielte die Dudelsackband, mindestens 25 Leute, ein Drittel mit diversem Schlagzeug, der Rest mit Dudelsack. Am Eingang lagen Wattebällchen für die Ohren aus – im leeren Saal muss es bei den Proben wohl sehr laut gewesen sein, aber mit geschätzten 300 Zuschauern im vollen Saal war davon nichts mehr zu spüren, das ganze war keineswegs lauter als ein übliches Konzert.

Die Organisation war sehr gut, eine MC (Mistress of Ceremonies? oder auch Master?) kündigte die Nummern an. Und die Musik selber war abwechslungsreich: verschiedene Marches, Airs, Slow Airs, Jigs, ein Pibroch; eine fast schon akrobatische Einlage der Trommler allein, zum Schluss eine choreographierte Version von „The Lion Sleeps Tonight“. Wirklich ganz, ganz schön gemacht. (Nervig allein der plärrende expat hinter uns, aber das gehört sich vielleicht auch so.)

Leider nicht als Video zum Einbinden gefunden: der zu einem Jig tanzende Cary Grant in Indiscreet, und Fred Astaire & Ginger Rogers mit „My Highland Fling“ aus The Barkleys of Broadway (hier immerhin zum Anhören – und das ist natürlich keine ganz ernst gemeinte Nummer).

Dafür hier die Claymore Pipes and Drums:

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Geben auch Kurse, machen auch Auftritte. Ich kriege immer wieder etwas Dudelsackmusik mit, da mein Zwillingsbruder der Pipe Major (quasi die erste Pfeife) der Band ist und seine Frau auch in der Band spielt. Macht sich immer wieder sehr gut auf Geburtstagen und anderen Familienfeiern. Bin mächtig stolz auf die beiden.

Proud Mary: Boinin‘ and toinin‘

Big wheel keep on turnin‘,
Proud Mary keep on burnin‘.
Rollin‘, rollin‘, rollin‘ on the river.

Wer seinen sprachinteressierten Englischschülern mal etwas Recherchearbeit geben möchte, kann ja mal versuchen, sie auf diese Frage eine Antwort finden zu lassen:

Warum singt John Fogerty in „Proud Mary“ eigentlich immer toining statt turning und boining statt burning?

Ein Freund und ich haben versucht, der Frage nachzugehen, sind aber zu keiner schlüssigen Erklärung gekommen. Klar ist wohl: John Fogerty macht einen Akzent nach, Louisiana würde Sinn machen. So richtig kenne ich dieses vokalisierte r aber nur aus alten Gangstergeschichten, oder eher noch aus alten Parodien darauf. Red Harvest von Dashiell Hammett beginnt so:

I first heard Personville called Poisonville by a red-haired mucker named Hickey Dewey in the Big Ship in Butte. He also called his shirt a shoit.

(Später stellt sich heraus, dass auch andere Leute diese Stadt so nennen.)

Gangster aus Damon-Runyon-Geschichten sagen „boid“ statt „bird“, ebenso die komischen Gangster aus dem Musical Kiss Me Kate. Es ist ein im Verschwinden begriffenes Merkmal des New Yorker Akzents.

Bugs Bunny spricht zum Beispiel eine Mischung aus den Akzenten von Brooklyn und Bronx, ein running gag ist wohl der Spruch „left toin at Albukoikee“ (oder wie man das schreiben würde):

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Wikipedia sagt zum New York dialect:

As a result of social and commercial contact between the two cities, and the influx of immigrants from the same countries, the traditional dialect of New Orleans, Louisiana, known locally as Yat, bears distinctive similarities with the New York dialect, including palatalization of the /ɜr/ vowel

– das ist doch schon mal eine Spur. Allerdings habe ich bei Yat dialect nichts dazu gefunden, auch wenn die Seite auch so lesenswert ist.

Hörenswert ist auch die Version, die Leonard Nimoy neben überraschend vielen anderen Liedern gesungen hat. (Sie ist ziemlich schlecht.) Einmal singt Nimoy auch toinin‘ und boinin‘, an den anderen Stellen nicht.

Bekannter ist Nimoy mit der „Ballad of Bilbo Baggins“:

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The WPA

Frau Rau ist neulich beim Romanelesen auf einen Helden gestoßen, für den in den 30er Jahren „a spell of the WPA“ anstand. Und weil sie nicht wusste, was das ist, und ich noch schneller bin als als das Internet, jedenfalls wenn ich im Nebenzimmer sitze, hat sie mich gefragt. Dank mausloser Blitzbedienung des Rechners konnte ich ihr auch in Sekunden das Lied „The WPA“ von Louis Armstrong und den Mills Brothers vorspielen (1940).

Die WPA (Works Progress Administration, Wikipedia) war in den Jahren 1935-1943 eine Maßnahme der Roosevelt-Regierung gegen die Arbeitslosigkeit der Depressionszeit. Das war keine Arbeitslosenunterstützung im engeren Sinn, sondern staatlich finanzierte und organisierte Bereitstellung von Arbeit: Wer wollte, konnte immer eine Arbeit bei der WPA kriegen. Die WPA baute Straßen, Wohnsiedlungen, öffentliche Gebäude, finanzierte aber auch Theaterstücke, veranstaltete Ausstellungen, Leseförderungsmaßnahmen, Schreibworkshops, alles mögliche.

Hier ein Reklameposter der WPA mit ihren Aktivitäten:
wpa-done
(Wikimedia Commons)

Es gab allerdings auch Kritik an der WPA. Ein Vorwurf war der, dass es Geld fürs Nichtstun gibt. Oder wie es in dem oben erwähnten Lied „The WPA“ heißt:

Sleep while you work while you rest while you play
Lean on your shovel to pass the time away

Leider, leider gibt es keine Online-Version des Liedes. Das ist nämlich wirklich sehr flott, Louis Armstrong & the Mills Brothers. Die einseitige Sicht der WPA, die in dem Lied dargestellt wird, ist allerdings wohl ungerecht. (Deckt sich aber mit anderen fiktionalen Darstellungen.) Vielleicht gibt es deshalb eine jüngere Version des Jazzmusikers Bob Dorough, der das Spöttische, Flotte der alten Version leider abgeht:

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Auch Glenn Miller hat eine Version des Liedes aufgenommen, die ist allerdings nie veröffentlicht worden und auch nicht erhalten – vielleicht war sie Miller nicht gut genug, vielleicht gab es technische Fehler bei der Aufnahme, es gibt auch Gerüchte, nach denen der Verlag keine Veröffentlichung wollte.

Alles bei Youtube:

(Siehe auch älteren Blog-Eintrag: The Great Depression.)

Freunde der klingonischen Oper

Heute nacht um 0:05 Uhr auf Deutschlandradio Kultur: juHrop („tschuh-rop“, dt. Heimweg), eine Klingonische Oper von Frieder Butzmann. Via netzpolitik.org, zu Details siehe dort. Ja, es ist genau das, an das man denkt.

(Außerdem wird auf Bayern 2 um 21.30 Uhr die erste Folge von Jonas, der letzte Detektiv wiederholt. Die ersten 6 Folgen werden immer am ersten Mittwoch des Monats ausgestrahlt. Hat mir ein Schüler heute zugesteckt.)

Songtexte abschreiben

Eine verlorene Fähigkeit. Meine Generation hat noch Liedtexte nach dem Gehör abgeschrieben. Es gab zwar auch kleine Texthefte zu kaufen, aber meist nur mit aktuellen Hits, und es gab Pfadfinderliederbücher im Selbstverlag mit sehr wenig zuverlässigen Versionen (und den gleichen Abschreib- und Zuschreibungsfehlern, wie man sie aus mittelalterlichen Liedersammlungen kennt).

Also musste man selber ran. An drei Lieder kann ich mich erinnern, deren Texte ich fein säuberlich mit dem Füller herausschrieb, immer wieder Lücken lassend, um beim fünften, sechsten, siebten Anhören vielleicht darauf zu kommen, was das für ein Wort sein konnte. Zwei Wörterbücher nebendran, was man damals halt so hatte. Gelernt habe ich viel dabei.

  • „American Pie“ von Don McLean. Die Wörter „pink carnation“ bereiteten mir Schwierigkeiten, weil als ein Wort gesungen, und ich kannte zwar bucking bronc(o) als Kombination, nicht jedoch das bronc-ing buck – das mir auch nur in diesem Lied begegnet ist und vermutlich allein um des Reims willen so aussieht. Es war auf jeden Fall damals schon schön, nicht alle Anspielungen eines Texts zu verstehen.
  • „The Friends of Mr Cairo“ von Jon & Vangelis. Auf kariertem Papier, drei Seiten, mit Füller und Bleistift. Kann mich noch genau erinnern. Das Lied habe ich fünfzehn Jahre nicht mehr gehört, freue mich aber aufs Wiederhören.
  • „Imbecile“ von Mike Batt, gesungen von Roger Chapman. Was für ein schauderliches Tremolo. „I-i-i-mbec-i-i-i-l-e. Yo-u-u-u are acting l-i-i-ke a f-o-o-o-l agai-i-i-n.“ Neulich habe ich die Best-of von Mike Batt wieder herausgekramt. Hm. Hmhmhm. Hörte sich alles irgendwie gleich an, aber „It seemed like a good idea at the time“, „Railway Hotel“, „Imbecile“, „Ride to Agadir“ landen auf meinem iPod. Und ja, auch „Lady of the Dawn“. Zum ersten mal gehört auf einem Transatlantikflug mit dreizehn Jahren oder so, das prägt.

An manchen der Lieder von früher hänge ich, weil es damals meine Lieder waren, weil ich sie oft und intensiv hörte. Richtig nachvollziehbar ist das nicht immer. Andere haben sich einfach gut gehalten. „I want to be a dancing man“ von Fred Astaire höre ich – anders als Mike Batt – nicht aus sentimentalen Gründen, sondern weil es mir hier und heute immer noch gefällt.

From Glen to Glen

Fragt mich heute nach der 6. Stunde beim Einpacken im Computerraum ein vorbeikommender Schüler (7. Klasse, ich hatte ihn in 5 und 6), ob ich wüsste, was „from glen to glen“ heißt. So schnell konnte man nicht schauen, da sangen wir gemeinsam „Danny Boy“.

O Danny Boy, the pipes, the pipes are ca-a-lling
from glen to glen and down the mountainside

Wenn auch, zugeben, mehr laut als richtig.

(Ich wäre jetzt glatt enttäuscht, wenn er das im Musikunterricht gelernt hätte. Muss ihn mal fragen.)

The Great Depression

Der Anlass: Die Library of Congress, bei der es ohnehin unglaublich viel an Material zu finden gibt, hat vor ein paar Tagen über 3000 Fotos bei flickr eingestellt. Ich finde den Gedanken schon mal toll, dass staatliche Institutionen ihr Material öffentlich zugänglich machen, und dass die dazu dann auch noch die Mittel nutzen, mit denen man heute Publikum erreicht. (Lobenswert ist bei uns die Bundeszentrale für politische Bildung, die viel anbietet – die Texte der Informationen zur politischen Bildung etwa, auch wenn mir das ganze Heft als pdf lieber wäre.)

Es gefällt mir, dass die USA so ein sammelwütiges Verhältnis zur Geschichte haben. Die Geschichte der USA mag nicht so lang sein wie die Deutschlands, aber sie wird gelebt. Nur so kann man zum Beispiel Lieder wie „The Presidents“ (Youtube) von Jonathan Coulton erklären, ein Lied, in dem alle Präsidenten der USA aufgezählt und kurz kommentiert werden.

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Bei den Bildern handelt sich um Fotos aus den 1910er und aus den 1930er-1940er Jahren. Die Bilder sind lizenzfrei (ich nehme an, dass sich das auch auf nicht-amerikanische Nutzer bezieht), man kann sie kommentieren und bewerten – Web 2.0 halt. Die Library of Congress bittet sogar um Kommentare und Mithilfe bei der Identifizierung.

Die 1930er Jahre sind eine für mich sehr spannende Zeit. Die Depressionszeit kennen wir aus der Fernsehserie Die Waltons. „Gute Nacht, John-Boy“ sagt selbst meinen LK-Schülern noch etwas.
Nach dem Börsenkrach 1929 ging es den USA wirtschaftlich sehr schlecht, die Arbeitslosenquote stieg auf bis zu 25%. Ikonisch geworden sind Suppenküchen und die bread lines, an denen man anstehen konnte, um etwas zu essen zu kriegen.

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(Franklin Delano Roosevelt Memorial, Washington.
Beim USA-Aufenthalt mit Schülern aufgenommen.)

Tolles Buch dazu: They Shoot Horses, Don’t They von Horace McCoy. Ein Klassiker der schwarzen Serie, gar nicht lang. Rückblickend wird die Geschichte zweier Teilnehmer an einem Tanzmarathon erzählt. So ein Tanzmarathon sah so aus: Paare meldeten sich an, in der Hoffnung, einen eher mageren Preis zu gewinnen. Und dann wurde getanzt, rund um die Uhr, mit fünf Minuten Pause pro Stunde und einer ganzen Stunde Pause pro Tag. Und das Tag um Tag um Tag um Tag. Das letzte Paar auf den Beinen kriegt den Preis. Drumrum immer wieder Zuschauer, und wenn es denen zu langweilig wurde, gab es eine kleine Einlage – drei Runden um die Bahn etwa, und das letzte Paar musste ausscheiden. Dschungelcamps gab es früher also auch schon.

Ein anderes Phänomen: Taxi Dancing. Das waren Etablissements, in denen man als zahlender Herr mit den dort angestellten Damen tanzen konnte. Am bekanntesten ist das geworden durch das Lied „Ten cents a dance“ gesungen von Ruth Etting, noch schöner allerdings in der Version von Doris Day aus der verfilmten Lebensgeschichte von Etting. („Love Me Or Leave Me“, zusammen mit James Cagney. Das war ein paar Jahre, bevor sich Doris Day zur braven Filmhausfrau entwickelte.)

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Ten cents a dance, that’s what they pay me
Gosh how they weigh me down.
Ten cents a dance, pansies and rough guys, tough guys who tear my gown.
Seven to midnight I hear drums, loudly the saxophone blows,
Trumpets are tearing my ear-drums, customers crush my toes.
Sometimes I think, I’ve found my hero
But it’s a queer romance;
All that you need is a ticket,
Come on big boy, ten cents a dance.

(Da das Lied inzwischen nicht mehr bei Youtube ist, hier eine schöne Version bei Vimeo.)

Gerne im Vergleich dazu: „Nachtcafé“ von Gottfried Benn, ein Gedicht, das ich sehr oft im Unterricht vorstelle.

(Ganz am Rande: Ich suche den Titel einer Kurzgeschichte, die ich irgendwo mal gelesen habe. Ein Mann kommt in ein Tanzlokal, trifft dort Tanzdame oder Zigarrettenmädchen, die erzählt von ihrem Ex, den sie sitzen lassen hat; der Mann erledigt sein eigentliches Geschäft dort – irgendeine Schießerei? – der Exfreund kommt und holt sie raus. Der Titel war irgendein Eigenname, glaube ich. Die üblichen Verdächtigen: Irgendwas aus der Pulp-Zeit; lange glaubte ich, es sei „Cigarette Girl“ von John M. Cain, das war’s aber doch nicht. „The Dancing Detective“ von Cornell Woolrich auch nicht.)

Der aberwitzigste Film zur Depressionszeit ist Sullivan’s Travels von Preston Sturges (1941). Ein erfolgreicher Regisseur und Autor von Filmkomödien entdeckt sein Gewissen und möchte ein relevantes, sozialkritisches Werk verfassen. Dazu zieht er mittellos durch Amerika und erlebt Abenteuer. Der Film ist genial. Einen solchen Tempowechsel von Slapstick, screwball comedy, Beziehungsdrama, Sozialdrama, Gefängnisfilm kenne ich sonst nur aus chinesischen Filmen. Am Schluss ist der Regisseur jedenfalls geläutert und will weiterhin Komödien drehen. People mutht be amuthed. Seinen geplanten sozialkritischen Film macht er nicht, er hätte „O Brother, Where Art Thou“ geheißen.

(Was zu einem anderen Film überleiten könnte, der in der Depressionszeit spielt, der köstliche „O Brother, Where Art Thou“ der Coen-Brüder.)

Seichte Unterhaltungsfilme: Die Dreißiger waren auch ein Höhepunkt der Unterhaltung, der Radiosendungen, der Pulp-Magainze, von Film und Hollywood-Musical. Fred Astaire und Ginger Rogers sangen und tanzten ganz wunderbar, als ob um sie herum nicht Armut und Leid herrschten. Again: People mutht be amuthed.

Überhaupt waren die 30er eine große Zeit für Musik. Das war die Zeit noch vor Jazz und Swing (nichts gegen Swing), und noch war genug Potential im gemeinen Schlager, um tolle Lieder zu schaffen. Cole Porter, George und Ira Gershwin, Irving Berlin und und und. Ich habe einige CDs mit „Great Songs of the Depression“; in vielen populären Schlagern dreht es sich ums tägliche Brot und Arbeitslosigkeit. Einige Titel:

There’s no depression in love
What have we got to lose?
Supper time
I’m in the market for you
Banking on the weather
I’m an unemployed sweetheart
The boulevard of broken dreams
If I ever get a job again
Are you making any money?
Halleluja, I’m a bum
If I had million dollars
Let them eat cake
We’re out of the red
We’re in the money
Just a gigolo (das Gegenstück zu Ten cents a dance)

Und viele, viele mehr. Gibt es das heute auch noch, dass die populäre Musik in solchem Umfang Themen aufgreift, oder geht es nur um Herz und Schmerz? Damals haben natürlich Erwachsene die Musik gehört und gekauft und noch keine Teenager.

Schließen will ich mit der Hymne der Depressionszeit, „Brother, can you spare a dime“. Ein tolles Lied. Ich weiß, man muss ein Lied hören, um etwas dazu sagen zu können, der Text allein reicht nie. Aber falls euch das Lied irgendwann mal begegnen sollte, hört gut hin. (Aufnahmen gibt es viele Dutzend, alte und moderne. Es soll eine Tom-Waits-Version davon geben, derer ich aber noch nicht habhaft werden konnte. Die George-Michael-Version interessiert mich weniger.)

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
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(Viele andere Fassungen zum Reinschmecken bei Youtube.)

They used to tell me I was building a dream
With peace and glory ahead —
Why should I be standing in line, just waiting for bread?

Once I built a railroad, I made it run,
Made it race against time.
Once I built a railroad, now it’s done —
Brother, can you spare a dime?

Interpretation, Songtext und Real Audio zum Anhören
Texte weiterer Lieder aus der Zeit

Und dann ist da noch Studs Terkel. Studs Terkel ist, grob vereinfacht, ein amerikanischer Historiker, der unter anderem viele Sammlungen von oral histories verfasst hat. Hard Times (1970) ist eine lesenswerte derartige Sammlung von Erinnerungen an die Depressionszeit. Informationen dazu gibt es bei den Seiten von Studs Terkel. Unter anderem interpretiert dort auch Yip Harburg, Autor von „Brother, can you spare a dime“, das Lied sehr nachvollziehbar. Man kann diesen Text als gestreamtes real audio anhören, am Anfang der Aufnahme hört man eine schöne Version von den Weavers.

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(Woody Guthrie und John Steinbeck wollte ich auch noch unterbringen im Text, habe das aber nicht mehr geschafft. Zum wirtschaftlichen Hintergrund der Depression habe ich auch nichts geschrieben, und nichts über Franklin Delano Roosevelt, über den New Deal und die Programme, mit denen die Arbeitslosigkeit bekämpft wurde, nichts über den Zweiten Weltkrieg, der die USA erst wirklich aus dieser Phase holte.)

Links:


Salome in der S-Bahn

Gestern kam Kollegin M. in der S-Bahn in den Genuss einer Kurzfassung meines schon lange nicht mehr gehaltenen Vortrags DasAmerikanischeRadioDer30erBis50erJahre. Im Zuge des Vortrags habe ich auch mit meinem Mp3-Player herumgefuchtelt, Podcasts angesprochen und vorgespielt – und wo ich schon dabei war, durfte ich auch ein paar meiner neuesten Schätze vorführen: Deutsche Schlager der 50er Jahre. Und das kam so.

Wie schon mal erwähnt, hatten wir mit 14 und 15 Jahren einen Clubraum auf dem Speicher eines Freundes. Dort gab es auch einen alten Plattenspieler (33, 45 und 78 rpm) und einige Dutzend Singles aus eben diesen 50er Jahren. In den letzten Sommerferien habe ich mir viele der Titel, an die ich mich noch erinnern konnte, auf CD besorgt. Es gibt da einige ganz wunderbare Anthologien. Meine Favoriten, von denen ich jetzt sogar die Interpreten weiß:

  • Stan Oliver, „Das Geisterschiff vom Ohio“. Fängt an wie Wagner, zwischendurch Akkordeon.

    Das Geisterschiff vom Ohio
    War hundert Jahre nicht mehr da
    Doch heut nacht kam’s zurück zum Ohio
    Jimmy Jones war der einz’ge, der es sah.

    Dramatisch und doch schwungvoll interpretiert.

  • Jörg Maria Berg, „Patricia“. Sooooo eine Hammond-Orgel. Nachtrag: Gestern abend kurz in Space Cowboys hineingeschaut, da hört man am Anfang, noch in den 1950er Jahren, den Anfang des Lieds. War im Original also wohl amerikanisch, möglicherweise das hier. kubanisch, nämlich das hier.
  • Billy Mo und das Orchester Bert Kaempfert, „Mitternachts-Blues“. Die instrumentale A-Seite der Single, auf der B-Seite gab es – das weiß ich eben noch von damals – eine Version mit Text.
  • Das Lucas-Quartett, „Salome“. Zugegeben, das ist von 1961, und im Clubraum gab’s die Single nicht. Ich kenne das Lied, vermutlich in dieser Aufnahme, aus dem wöchentlichen Wunschkonzert des Bayerischen Rundfunks, Bayern 1. Als ich zehn oder zwölf war, habe ich das oft mit meinen Großeltern gehört.

    Still durch den Sand der Sahara dahin
    Die Karawane sich zieht
    Sie führt den Forscher, den Jungen aus Wien
    Heut‘ in ein neues Gebiet

    Da stecken Geschichten dahinter, Karl May kommt einem hoch/in Erinnerung… Das Lied selber wurde 1920 von Robert Stolz komponiert. (Dem wir dankbar sind für „Ob blond, ob braun“ und „Im Prater blüh’n wieder die Bäume“, „Zwei Herzen im 3/4 Takt“, „Mein Liebeslied muß ein Walzer sein“ und vor allem „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“.)

Jedenfalls sang ich das auch alles so zu Demonstrationszwecken leise vor und meinte – nicht klagend, nicht mal resigniert, eher sachlich und wie leichthin nebenbein: „Kennt heute natürlich niemand mehr.“

— Da konnten die Mitreisenden auf den Sitzen gegenüber dann doch nicht mehr an sich halten. Beide, mein Alter oder ein bisschen älter, etwas amüsiert, meinten unabhängig voneinander, doch, das kennten sie schon noch. „Patricia“, klar, auch „Salome“. Letzteres habe auch der Max Raabe in seinem Repertoire, erst neulich in München gehört.

Da war ich hoch erfreut.

Die Fledermaus

Wie neulich angekündigt, und wie Frau Nachtgedanken auch war ich gestern in der Oper, Die Fledermaus anschauen.

Meine Eltern hatten uns zu Weihnachten Karten gekauft. Da hatten wir aber schon selber welche für die gleiche Vorstellung, also haben wir meine Eltern mit deren Karten eingeladen. (Jetzt fühlen sie allerdings, dass sie noch ein Geschenk schuldig sind. Ist schon ein Kreuz mit den Erwachsenen.)
Schön war’s. Ich hatte aufgrund widriger Umstände (=Blödheit) die Hälfte der Karten zu Hause vergessen, wie wir beim Eintreten merkten. Das sind die Leute dort allerdings schon gewöhnt: An der Kasse kann man sich Ersatzkarten ausdrucken lassen, zumindest wenn man noch weiß, unter welchem Namen und wie man die Karten bestellt hat. Das seien jeden Abend eine ganze Menge Leute.

Meine Eltern, erfahrenere Besucher von Schauspielhäusern, bestellten vor der Aufführung gleich Getränke für die Pause. Dann muss man nicht anstehen. Zur Aufführung selber kann ich nicht viel sagen; es war die erste Fledermaus, die ich auf der Bühne sah. Die Musik ist gut, die Handlung auch, Details dazu beim letzten Eintrag. Die Sänger waren nicht so leicht zu verstehen wie bei meinen Plattenaufnahmen. Wir saßen über dem Orchestergraben und konnten gut hinunterschauen; die männlichen Musiker im Frack, für die weiblichen reichte zum Teil schwarze Hose und Hemd. Erstaunlich, wie doch so wenige Leute zusammen so schöne Musik machen können. Als Nichtmusiker ist das für mich immer wieder faszinierend und nicht ganz verständlich, wie das funktioniert.

Nach der Pause spielte die Biermösel Blosn ein paar Nummern auf dem Ball Orlofsky. Das Orchester machte bei den Gstanzln mit. Und von oben wirbelten Luftschlangel ín Industriestärke durch den Raum. Angestrahlt von den Scheinwerfern sah das fast aus wie lautloses Feuerwerk.

Die Gefängsnisszenen mit Frosch waren mir allerdings zu lang. Da gibt’s dann auch keine Musik dazu, sondern Klamauk und Improvisation. Da war ich aber schon etwas müde.

Insgesamt sehr schön. Bei der Tanzeinlage habe ich mir versucht vorzustellen, wie das vor siebzig oder achtzig Jahren war, als man noch ins Theater ging, um Revuen anzuschauen. Konnte ich nicht. Gab’s das am Ende nur im Film?

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