Rollenspielen 2017

By | 1.11.2017

London, 1940. Einige Mitglieder unseres Teams haben im Lauf der letzten Wochen mit einem ehemaligen Teammitglied korrespondiert: Das war zuerst in einem Militärkrankenhaus bei Cambridge in Behandlung, bevor es sich dann nach Indien und schließlich Nepal aufmachte, und von zwischendurch erreichten uns immer wieder Briefe, wenn auch mit Verspätung, natürlich. (Die kamen wirklich in den letzten Monaten an die Adressen einiger Spieler, so als Vorbereitung auf die Fortsetzung der jährlichen Call-of-Cthulhu-Rollenspielkampagne. In Sütterlin, oder zumindest mit Sütterlin-Zeichensatz ausgedruckt – dementsprechend schwer zu lesen für unsereins.)

Briefe

Außerdem haben wir wiederkehrende Alpträume von einer schauderhaften Stadt im Meer; die Insassen des Militärkrankenhauses reagieren besonders empfindlich, ähnlich wie Künstler weltweit. Aus Indien erreichen uns Geschichten von verschwundenen Kindern, aus Nepal von Dörfern, die einander bekriegen, von einheimischen Töpfern, die plötzlich grässliche Statuen und unverständliche Tontafeln produzieren. Wir erhalten sogar ein Paket, das einige Exempare enthält:

Paket

Cthulhufigur und Tontafel

Auf der Suche nach einer Erklärung geraten wir an den Nachlass eines Professors Angell, der uns eine schier unglaubliche Geschichte enthüllt. Eine Insel, die aus dem Meer emporsteigt, ein Tor, das sich öffnet, ein wahnsinniges Monstrum, das daraus hervortreten wird. Die Fahrt nach Cambridge überspringend, nach Glasgow zu einem wahnsinnigen Maler und Bildhauer, die Recherchen in London – kurzum, wir müssen in den Indischen Ozean.

Das ist gar nicht so einfach – wir sind im zweiten Weltkrieg. Aber wir kriegen eine Fahrt auf einem Truppentransporter vermittelt, der RMS Berengaria. Aber die läuft bald aus, und so müssen wir überstürzt aus London aufbrechen und schnell nach Edinburgh. Die Fahrt dauert einen guten halben Tag, und der Spielleiter genoss es sehr, jede einzelne Bahnstation auf dem Weg aufzuzählen und zu jedem einzelnen Ort auf dem Weg ein Foto zu präsentieren. (Lauter ungewohnte englische und schottische Namen, versteht sich.) Schon vor Edinburgh begann ein heftiger Sturm, und nach der Ankunft erfahren wir, dass die Brücken über den Firth of Forth gesperrt sind – wir müssen Automobile mieten und einen großen Umweg fahren, bei Sturm und Regen und über kleine schottische Straßen. Anhand einer Landkarte aus den 1930er Jahren (Nachdruck, DIN A 1) schlagen wir uns unter Verlust eines der Wagen durch – eine erstaunlich spannende Sequenz. Sturm, Regen, Würfe gegen die Driving Skills der Spielerfiguren.

Die RMS Berengaria ist ein Passagierschiff, 1914 als größtes Schiff der Welt gebaut, damals noch ein deutsches Schiff unter dem Namen Imperator. Nach dem Ersten Weltkrieg ging es an England.
Wir fahren durch den Suezkanal, weichen Treibminen aus, und sind quasi schon fast in Calcutta, als es zu Schwierigkeiten kommt. Der Deckplan – eine von vielen, vielen Übersichtskarten zur RMS Berengaria – hilft uns, das Schiff gegen eine überraschende Gefahr aus dem Meer zu verteidigen.

Übersichtskarte Bootsdecks

Halb manövrierunfähig landen wir auf Sumatra. Sollen wir nach Nepal zu unserem alten Mitstreiter, oder doch Richtung Südpol, zu der Insel aus unseren Alpträumen?
Wir entscheiden uns für Nepal, und verpassen damit das eigentliche Finale des spannenden Abenteuers. Aber auch in Nepal ist es schön. (Heißer Tee mit einer Scheibe Butter darauf, Erfrierungen, Durchfall.)

Cthulhufigur in Überraschungsei

Rückblick:
2007 – nur eine Zeile nebenbei.
2008 – etwas ausführlicher, mit Bild.
2009 – nur eine Zeile nebenbei (New York 1933).
2010 – einigermaßen ausführlich (Mandschuko 1934).
2011 – etwas Text, zumindest mit Bild (New Mexico, 1935).
2012 – nur ein Absatz (Görlitz, 1936).
2013 – ausführlicher (Venezuela, 1937).
2014 – in Afrika, mit Telegramm (1938).
2015 – in Italien und Polen (1939).
2016 – über die Pyrenäen und in Aachen (1940).

7 thoughts on “Rollenspielen 2017

  1. Haly

    Nur einmal im Jahr? Nur diese eine Kampagne? Gibt doch sicherlich noch mehr. Kein Interesse an anderem? Wäre nicht ein Rollenspiel, das in der Zukunft spielt interessant? Irgendwas mit Science Fiction. Oder ähnliches.

  2. Herr Rau Post author

    Ich komme nur einmal im Jahr dazu, die anderen spielen öfter – mir fehlen Zeit und Mitspieler. Einmal habe ich mit einem W-Seminar gespielt, und ein paar Kollegen würden schon auch mal gerne; vielleicht wird ja noch etwas daraus.
    Früher habe ich alles mögiche gespielt, auch Science Fiction. Aber Fantasy und Horror liegen mir am meisten – das erste ist unkompliziert und manchmal albern, beim zweiten arbeitet man am gemeinsamsten am Erzeugen einer Stimmung.

  3. Haly

    Oh, Horror und Fantasy! Ja, kann ich mir schon vorstellen, dass es dabei vor allem auch auf die Stimmung ankommt. Gerade weil man bei Rollenspielen die Stimmung ja nicht nur selbst erzeugen *kann*, sondern *muss*. Gerade bei Horror. Ohne die entsprechende Stimmung gibt es kein Gefühl, und ohne Gefühl gibt es keine Wirkung. Und dann ist es einfach witzlos.
    Und Fantasy: „unkompliziert“? Sie scheinen ja eine sehr praktische Denkweise zu besitzen. ;-) Ist es da nicht unkomplizierter, Rollenspiele gar nicht zu machen? (Nein, natürlich nicht. Was man gerne macht, macht man gerne und dann tut man das auch genauso, wie man es mag.)
    Tja, dann treiben Sie mal ein paar Kollegen zusammen!
    Gibt es denn eine Mindestzahl an Spielern? Wie viele müssen denn mitmachen wollen?

  4. Herr Rau Post author

    Theoretisch braucht es nur einen Spieler und einen Spielleiter oder eine Spielleiterin, und solche Spiele gibt es, aber dazu muss man schon sehr in der Stimmung sein. Für optimal halte ich neben dem Spielleiter vier bis fünf Spielerinnen, aber drei gehen auch noch. Ich glaube, die Anzahl der Kollegen wäre kein Problem, nur die Zeit.

    Fantasy unkompliziert: Das empfinde ich vielleicht so, weil das das Genre ist, mit dem man zumindest bis zu meiner Generation angefangen hat. Das kann man stimmungsvoll oder albern spielen. Wenn man will, kann man sich an Konventionen halten, so dass fast nur ein Brettspiel daraus wird: Die Figuren treffen sich in einem Wirtshaus, ein Fremder spricht sie an mit einem Auftrag, etwas aus einer Höhle zu holen, dort würfelt man gegen Fallen und Monster und sammelt Schätze. Aber das geht natürlich differenzierter, und früher oder später brechen die Spieler eh aus dem System aus und verprügeln den Auftraggeber, bevor der überhaupt zu Wort kommt. (So sind Rollenspieler leider manchmal.)

  5. Haly

    Also bestehen Rollenspiele, wenn ich das richtig verstanden habe, zum Teil auch aus Brettspiel. Mal mehr und mal weniger. (Meine Unwissenheit tut mir sehr leid- bin eben nur ein Laie.)
    Ich hatte mal von einem Rollenspiel gehört, das in einem Wald stattfindet und in dem es nur darum geht, sich in diesem Wald zurecht zu finden. Ganz ohne Brettspiel oder Spielfiguren.

  6. Herr Rau Post author

    Rollenspiele sind enstanden in den 1950er Jahen als Ableger von Wargames, bei denen man Zinnfiguren herumschubst und würfelt, wer wen besiegt – also sozusagen Brettspiel, sozusagen, wenn auch auf flexiblem Spielfeld. Und die frühen Rollenspiele haben noch viele dieser alten Wargame-Elemente, bald entwickelten sich dann aber andere, würfel- oder ganz regllose oder sogar spielleiterlose Spiele. Heute existieren diese Varianten alle nebeneinander.

    Und seit den 1980ern gibt es dann auch LARP, Live Action Roleplaying. Das spielt man nicht mit Bleistift und Papier, sondern – zum Beispiel – im Wald. Aber wie bei Pen-and-Paper gibt es da meistens Spielleiter beziehungsweise ein Team davon, und Regeln, um etwa Kampf und Zauberei zu simulieren. Außerdem gibt es natürlich eine Handlung, also Aufgaben, verschiedene Gruppen mit verschiedenen Zielen. Und man hat natürlich ein Kostüm an und nachgebaute Waffen und bleibt in der Rolle. (Kostüme im Wald gab es vorher auch schon, aber zum LARP fehlt noch die Handlung. Deshalb ist Cosplay auch kein LARP.) Bei einem großen LARP sind da Dutzend oder auch zweihundert Spieler auf einmal dabei und es dauert einige Tage. Das muss nicht im Wald spielen, sondern kann auch – bei einem Vampirrollenspiel in der Gegenwart etwa – auch in einem Hotel sein, wo ein Vampirkongress stattfindet, möglichst unbemerkt von der menschlichen Bevölkerung.

    Ich war aber noch nie auf einem LARP.

  7. Haly

    Ah, danke für die Auskunft. :-)

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